Düsseldorf, 10. Juni 2008
Sehr geehrter Herr Müller,
sehr geehrter Herr Kaidel,
die NRZ titelte in dieser Woche: Deutschland-Achter zerlegt.
Ja, aber beileibe nicht waidgerecht: Herr Müller, Herr Kaidel, an Ihren Händen klebt nicht nur das Blut dieser unsäglichen Amputation am deutschen Paradeboot, sondern vor allem die Haut, die Sie erfolgreichen Athleten und einem verdienstvollen Trainer vom Gesicht gerissen haben. Ein solch schlechter Stil gebührt einem Verband nicht, der Wert auf Traditionen legt und sich in seinem Leitbild zu Werten wie sportlicher Kameradschaft, Fairness, optimaler Chancengleichheit oder Teamfähigkeit bekennt. „Der DRV tritt für alle Bestrebungen ein, Menschen zu selbständigen, verantwortungsbewussten Persönlichkeiten heranzubilden. Sie sollen im Sport positive Erfahrungen sammeln, die sie auf ihr gesamtes Leben übertragen und anderen weitergeben können.“ Na, da haben sie ja jetzt etwas gelernt!
Herr Müller, ich war in Eton 2006 dabei. Wir haben an diesem Finalsonntag zuerst die Siege der nicht-olympischen Boote gefeiert, im Vierer-mit und im leichten Zweier-ohne, die Siege, die zwar genauso viel Schweiß und Arbeit kosten wie alle anderen, die aber in den offiziellen Medaillenlisten nie auftauchen, weil, wie in kaum einem anderen Sportverband, diese Siege in den eigenen Reihen kleingeredet werden. Es sitzen zwar vielleicht die Ruderer drin, die im nächsten Jahr im olympischen Boot sitzen, die jetzt im neuen Achter sitzen, aber in diesem Jahr in Eton waren sie halt nur Sieger zweiter Klasse.
Nun, Herr Müller, ich habe Sie an diesem Tag beobachtet, auch am Vormittag, bei den Nicht-olympischen, aber am Nachmittag, da hat es Sie nicht mehr gehalten. Sie sind gerannt, nur im weißen Hemd und ohne Jackett, und fast gehüpft vor Freude, als der Achter als Sieger ins Ziel flog, ihr Gesicht strahlte vor Freude, und ich glaube, Sie haben die Jungs auch umarmt.
Nichts mehr davon in dieser Pressekonferenz vom Mittwoch: Das Gesicht hart, zur Maske – und für jemanden, der betroffen ist, zur Fratze - erstarrt, fast lässig zurückgelehnt stoßen sie diesen Jungs und ihrem Trainer ein Messer in den Rücken. Die Leistung von gestern zählt nichts mehr, so ähnlich haben Sie es ausgedrückt. Ich hätte mir einen „MiMü“ gewünscht, der konstruktiv kritisiert, der auf Schultern klopft, hinter seiner Mannschaft steht, Zuversicht zeigt und an Erfolge erinnert, der Vertrauen ausspricht, der meinetwegen auch mit einem direkten Vergleich mit einem zweiten Boot den Ehrgeiz anstachelt. Wer hätte nach dem ersten Spiel den Handballern den WM-Titel zugetraut? Und die hatten ein Turnier lang weniger Zeit sich noch zu entwickeln! Nein, niemand soll sich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Aber Achtung haben sie verdient. Alle.
Da gibt es ja auch noch das an sich gut gedachte Projekt des leichten Männer-Vierers, der noch auf die Olympiaqualifikation hofft. Auch das wurde auf einem vergifteten Boden gezüchtet, auch hier wurde den Besten der Olympiade, die in drei aufeinander folgenden Jahren von 2004 – 2006 Weltmeister wurden, ein fairer Wettkampf verweigert, sie wurden und werden ausgeschlossen, weil sie sich u.a. mit der Trainerin ihres Vertrauens auf die Selektion vorbereiten wollten. Und das auch gesagt und verteidigt, also Kritik geübt haben. Die guten haben oft einen eigenen Kopf! Und sie hatten ein richtiges Gefühl. Die, die sich gehorsam dem Wettbewerb stellten, unter dem von Ihnen bestimmten Trainer Herrn Bender, erlebten eine Show nach dem Motto: Deutschland sucht den Superruderer, jede Woche fliegt einer raus. Die Ruder-Zwillinge waren gesetzt, standen als Zweier nie in Frage, weil die Schützlinge des Trainers?, zwei weitere wurden dazugesetzt, damit vielleicht ein Stützpunkt gerettet und drei Landesverbände ruhiggestellt?, die restlichen Zweier wurden systematisch gesprengt, die Umstände dieser Rauswürfe standen in ihren Auswirkungen den Schmähungen eines Dieter Bohlen zum Teil in nichts nach. Das alles ohne Frühtest! Dann wurde selbst der Ersatzzweier hingehalten und nicht mehr trainiert. „Mangels Zeit des Trainers!“ Welch ein Vertrauen in das Leistungsvermögen des ausgewählten Vierers! Selektion durch Zerstörung der Gegner, nicht ein einziges Ausscheidungsrennen; doch, eines als Alibi und weit weg in Italien, und dort ist die zweite Viereroption plötzlich ohne gemeinsames Training so gut wie die erste nach -zig Trainingseinheiten!, und wird fadenscheinig heruntergeredet. Weitere Einzelheiten erspare ich Ihnen hier, die haben Sie im persönlichen Gespräch schon gehört. Und was der Regatta-Funk so munkelt, erspare ich Ihnen hier auch. Jedenfalls das alles mit Ihrem Einverständnis, Herr Müller. „Welch positive Erfahrung, die man auf sein ganzes Leben übertragen kann!“ Selbst wenn sich dieser Vierer in Posen qualifiziert, und den Sportlern sei es gegönnt: Es fahren nicht die besten nach Peking, zumindest keinesfalls die fair gekürten. Und welch ein Harakiri-Spielchen: Eine Infektion kurz vor Posen, und das Projekt ist mangels Ersatz gescheitert. Wenn die nicht fahren, dann soll nun mal keiner fahren! Wenn Sie diesen leichten Ersatzzweier, Teil des TopTeam Peking!, der in München und Luzern - unkommentiert und unkritisiert - sogar mit einem letzten Platz nun wirklich nichts gezeigt hat, zur Belohnung auch noch zur Weltmeisterschaft nach Linz schicken: Dann versteh ich Ihre Aktion mit dem Achter gar nicht mehr!
Und ihr neuen Jungs im Achter: Ja, klar, Ihr freut Euch, so unverhofft zu einem sicheren Ticket nach Peking zu kommen, aber Charakter würdet Ihr zeigen, wenn ihr auf einen solch geschenkten Sieg verzichten und den Vergleich suchen würdet. Ein wenig Solidarität könnte nicht schaden. Oder reicht Eure Fairness nur bis zum Ausleger des Bootes, in dem Ihr gerade sitzt? Wenn ihr den Jägern Eurer Vorgänger und Freunde ins Auge seht: Glaubt ihr, dass es Euch anders ergeht? Demnächst, wenn Ihr einmal schwächelt?
Herr Müller: Wer Verstand hat, der misstraut Ihnen künftig, der wird Ihre Freude nicht mehr glauben, die ausgestreckte Hand zurückweisen. Ich fordere nicht Ihren Rücktritt, nein, auch Ihr Gesicht will ich Ihnen nicht nehmen, dazu ist mir das aus Eton zu wichtig. Davon brauchen wir mehr und öfter. Wenn Ihnen der A... auf Grundeis geht, o.k., menschlich, zeigen Sie es! Aber nicht durch Einschüchterung und Machtspielchen. Lernen Sie dazu! Lernen Sie z.B. das „Führungsspiel“ aus dem gerade erschienenen Buch von „Klinsmanns Hockeytrainer“ Bernhard Peters! Es ist schon auf den ersten Seiten eine Offenbarung in seiner persönlichen Offenheit und erzählt fast zum Weinen schön von einer Liebe zum Sport und zu den Sportlern, und was man von ihnen zurückbekommen kann. Härte wird hier anders definiert. Und keinesfalls weniger ehrgeizig! Ich bitte Sie inständig: Rudern Sie zurück, zeigen Sie menschliche Größe, handeln Sie fair und im Olympischen Geist.
Ein olympischer Zyklus besteht aus Olympiade und endet mit dem Höhepunkt der Olympischen Spiele. In diesen vier Jahren erarbeitet man sich auch die Option auf einen Startplatz und nicht nur kurz vorher. Ich empfand die Herausforderung Waddells an Drysdale zwar als sensationell, aber keineswegs uneingeschränkt sportlich fair. Wir könnten uns alle anderen Meisterschaften schenken und nur noch im letzten Jahr ein paar Rennen ausfahren, wenn ausschließlich die letzte Leistung zählt. Wie langweilig! Wenn es so einfach wäre mit der Bewertung der physischen Kraft für den Rennverlauf, bräuchten wir nur noch die stärksten Ergometerfahrer in die Boote zu setzen. Zehn bis zwanzig Prozent eines Wettkampfs werden im Kopf entschieden. Bootsgefühl! Internationale Wettkampferfahrung! Mentale Stärke! Gutes und schnelles Rudern ist eine Mischung aus vielen subjektiven und objektiven Faktoren, die niemals 100% Sicherheit versprechen. Nominierungsrichtlinien und ihre Auslegung können nicht 100% objektiv sein, sie können aber in einem Klima von gegenseitigem Vertrauen und offener, ehrlicher und wohlwollender Kommunikation von allen getragen werden.
Die erfahrenen Jungs sind natürlich etwas älter als die jungen, neuen, frischen. Müssen ihre Kräfte etwas besser einteilen, um zum Saisonhöhepunkt die Höchstleistung abzurufen. Statt Nachhaltigkeit fördern Sie mit Ihrer Entscheidung einen Wahn, der dem Sport nicht gut tut: Möglichst jung alles abzuräumen was geht und dann dem Sport den Rücken zuzukehren. In unserer Sportart liegt das Höchstleistungsalter in den späteren Zwanzigern. Gerade auf den Frühtests gewinnen oft die ganz jungen, die bereit sind, gepuscht von Adrenalin alles aus sich herauszuholen, weil ihnen niemand gesagt hat, dass Leistungssport mehr ist als nur zu gewinnen. Im Gegenteil: Trainer und Verband spielen in dieser Tragödie mit: Während in den USA viele erst mit 18 beginnen, wird bei uns schon aussortiert, wer mit 16 noch keine weltmeisterliche Ergozeit fährt. „Aus dir wird eh nichts mehr.“ Auf den Ergometern können Traumzeiten gefahren werden, ohne jemals in einem Boot gesessen zu haben.
Der Weg sollte das Ziel sein. Die U-23-Jahre werden oft gar nicht zur Entwicklung genutzt, nach kurzen Anfangserfolgen sind die jungen Sportler verbrannt und wissen nicht warum. Diese persönlichen Niederlagen sind viel schwerer zu verkraften als noch einmal vier Jahre auf die Olympischen Spiele hinzuarbeiten. Wenn wir Pech haben, landen einige als frustrierte Ex-Ruderer und besserwisserische und unbelehrbare Jugendtrainer im Verein und richten dort – manchmal sehr subtil – großen Flurschaden an. Die sich durchbeißen, sind oft früh satt, ein WM-Titel im Juniorenbereich, U-23 übersprungen, ein oder zwei Titel im Seniorenbereich, dann haben sie genug ausprobiert und Tschüss! Haben ein paar andere rausgekickt, die zwar noch ambitioniert in einem vielleicht eigenen Zyklus trainierten, aber auf dem Frühtest zu schwach waren. Wirkliche Persönlichkeiten entstehen da kaum. Und erst recht keine, die dem Sport erhalten bleiben und dem Nachwuchs als Vorbild dienen.
Die Alarmglocken läuten schon seit langem, dass Ihnen die Ohren platzen müssten. Herr Kaidel, wenn diese erste Tat als neuer Vorsitzender ein Zeichen für den versprochenen Neuanfang ist, dann graut es mir vor der Fortsetzung.
Wie alle Eltern bin ich parteiisch, aber ich bin parteiisch nicht nur für meine Kinder, sondern auch für alle Eltern, die ihre Kinder einem Sportverein und Verband anvertrauen, für alle anderen Athleten, für mündige Athleten und nicht für Marionetten, vor allem für eine vorausschauende, nachhaltige Nachwuchsarbeit, für lebendige Vereine, für diesen schönen, gesunden und naturverbundenen Rudersport im Besonderen, für einen fairen Leistungssport, für ehrliche und spannende Wettkämpfe, für Chancengleichheit, für fähige, faire, engagierte und interessierte Trainer, für eine Achtung gegenüber Verband, Verein, Förderern, Sponsoren und Zuschauern. Auf diesen Säulen ruht der Leistungssport.
Wir bewegen uns im gesellschaftspolitischen und pädagogischen Raum und haben auch einen Auftrag. Deshalb werden wir öffentlich gefördert, und ich weigere mich zu glauben, dass dies nur deshalb geschieht, weil das Medaillensammeln so schön ist.
Sonst, DRV, wirf dein Leitbild in die Tonne, fahr die Krallen aus und blase weiter zum Halali.
Lydia Otto (Mitglied im aber nicht im Auftrag des RC Germania Düsseldorf)
Hammer Dorfstr. 136
40221 Düsseldorf
lydia_otto61@yahoo.de