Geschäftsführer Michael Ilgner sieht „absolut stabile Situation“
Optimistisch, beinahe gelassen sieht Sporthilfe-Geschäftsführer Michael Ilgner trotz des kürzlichen Rücktritts der Vorstandsvorsitzenden Ann Kathrin Linsenhoff dem „Fest der Begegnung“ am 31. Oktober in Düsseldorf entgegen. Und das, obwohl das jährliche Treffen mit den Kuratoren diesmal heikel werden könnte. Intern ist der zuletzt öffentlich geführte Schlagabtausch zwischen der früheren Dressur-Olympiasiegerin und dem Aufsichtsrat und seinem Vorsitzenden Hans-Wilhelm Gäb nicht völlig spurlos vorüber gegangen. „Was passiert ist, ändert nichts an der grundsätzlichen Einstellung unserer Partner. Ihnen geht es darum, die Sportler zu unterstützen. Wie die Sporthilfe fördert, das wurde in der Diskussion nie in Frage gestellt. Unsere Förderer bleiben an Bord“, unterstreicht Michael Ilgner, der noch bis zum 30. November kommissarisch als Vorstandsvorsitzender operiert. Anschließend wird die Phase dieser Personalunion für ihn beendet sein, denn zum 1. Dezember tritt Werner E. Klatten sein Amt als neuer Vorstandsvorsitzender an. Damit ist der 63-Jährige nach Josef Neckermann (1967 bis 1988), Willi Daume (1988 bis 1991), Erich Schumann (1991 bis 1996), Hans-Ludwig Grüschow (1997 bis 2005), Hans Wilhelm Gäb (2005 bis 2007) sowie Ann Kathrin Linsenhoff (2008) die nunmehr achte Persönlichkeit an der Spitze der Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH).
„Mit einer hochkompetenten Führungsmannschaft in die Zukunft“
Dem Juristen und Medienmanager Klatten, der als Chef des Fernsehsenders SAT 1, als langjähriges Mitglied der Geschäftsleitung des Spiegel-Verlags und zuletzt Vorstandsvorsitzender der Münchner EM Sport Media AG Beziehungen zum Leistungssport vornehmlich über seine unternehmerischen Tätigkeiten entwickelte, wird als Stellvertreterin für den Bereich Sport die frühere Weltklasseschwimmerin Franziska van Almsick zur Seite stehen. Diese Entscheidung traf der DSH-Aufsichtsrat in der vergangenen Woche einstimmig. Stellvertreter für den Vorstands-bereich Finanzen und Wirtschaft bleibt Horst Müller, ehemaliger Finanz-Vorstand der Dresdner Bank. Ebenso unverändert bleibt die Vorstandsposition von Michael Ilgner. Der Wirtschafts-ingenieur und ehemalige Wasserball-Nationalspieler steuert als erfolgreicher Vorsitzender der Geschäftsführung seit März 2006 das operative Geschäft der Stiftung. Vertreter des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) im fünfköpfigen Vorstand bleibt der ehemalige Turnweltmeister Eberhard Gienger.
„Aufsichtsrat und Sporthilfe haben ihre Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit nachgewiesen“, betonte Aufsichtsratschef Hans Wilhelm Gäb. „Die Stiftung geht mit einer hochkompetenten Führungsmannschaft in die Zukunft - geschlossen unterstützt durch ihre Stiftungsräte, Kuratoren, Mäzene und Sponsoren.“ Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble begrüßte die jüngsten Personalentscheidungen. „Ich gratuliere der Sporthilfe zu dieser schnellen und guten Entscheidung. Die Stiftung kann sich jetzt wieder auf die Zukunft konzentrieren“, sagte Schäuble in einem Telefonat mit Hans Wilhelm Gäb, und auch der „Beirat der Aktiven“ unterstützt die neu formierte „Doppelspitze“. „Der Beirat der Aktiven hat die Entscheidung des Aufsichtsrats unterstützt und begrüßt die Formierung der neuen Führungs-Mannschaft, in der der Sport hervorragend vertreten ist“, sagte Marion Rodewald, Kapitänsfrau der deutschen Hockey-Nationalmannschaft und Mitglied des Sporthilfe-Aufsichtsrats. Laut Ilgner sei der Tenor bei den Kuratoren, die jährlich einen freiwilligen Jahresbeitrag von 7.500 Euro für die Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH) berappen und damit rund 1,8 Millionen Euro, sprich: zirka ein Sechstel zum Jahresetat beisteuern, vor dem Jahrestreffen am kommenden Wochenende in der Metropole Nordrhein-Westfalens, in Bezug auf die Arbeit der Stiftung ebenfalls einhellig. Diese Sicht teilen auf Seiten der Geldgeber jedoch anscheinend nicht alle. Die Art und Weise, wie sich die Köpfe der Sporthilfe zuletzt in aller Öffentlichkeit beharkten, ist ihnen zum Teil bitter aufgestoßen und hat zu Irritationen geführt. Das sei stillos gewesen. Dieses Niveau sei weit unter dem, was einer angesehenen Institution wie der Sporthilfe zu Gesicht stehe, merken Kritiker an. Nach Aussage der Sporthilfe hat bislang ein einziger der etwa 300 Kuratoren seinen Rücktritt erklärt. „Wir haben eine absolut stabile Situation und sind voll handlungsfähig“, betont der promovierte Wirtschafts-Ingenieur Ilgner. Die Botschaft beinhaltet den dezenten Hinweis, dass das eigentliche Geschäft der Sporthilfe, jährlich rund 12 Millionen Euro zur Unterstützung von rund 3800 Kader-Athleten zu beschaffen, von Linsenhoffs Rückzug unberührt geblieben sei. Vor allem deshalb, weil die Reorganisation des Betriebs in den vergangenen drei Jahren weitgehend ohne die Ex-Chefin vorangetrieben worden sei, die als Kuratorin beim „Fest der Begegnung“ persönlich erscheinen will. Im Vorfeld der Veranstaltung hat Aufsichtsrats-Chef Gäb bereits deutlich gemacht, dass der öffentliche Disput in den vorigen Wochen endlich der Vergangenheit angehören sollte: „Ich hoffe, dass die Verdienste von Frau Linsenhoff schwerer wiegen als die Irritationen der letzten Zeit“, sagte der frühere Opel-Manager. Die wiederum sagte der DOSB PRESSE: „An meinem persönlichen Engagement für die Stiftung Deutsche Sporthilfe wird sich nichts ändern - ich bleibe sowohl Mitglied im Kuratorium als auch im Ehemaligen-Club ‚Emadeus’.“
Kuratoren bleiben das Herzstück der Sporthilfe
Klassische Quellen wie die Sportbriefmarken und die Glücksspirale sprudeln nicht mehr so üppig wie früher und mussten dringend kompensiert werden. Vor drei Jahren schlugen diese Erlöse noch mit acht Millionen Euro zu Buche, 2008 werden es vermutlich weniger als fünf Millionen Euro sein. Die Sonderbriefmarken tragen gerade noch 1,6 Millionen Euro ein. „Wir haben in den letzten Jahren unsere Anstrengungen darauf konzentriert, neue Einnahmequellen zu erschließen“, sagt der frühere Wasserball-Nationalspieler Ilgner. Trotzdem seien die Kuratoren „weiterhin das Herz-stück der Sporthilfe und ihre Basis“. Mit dem designierten Vorstandsvorsitzenden Werner E. Klatten konnte sogar gleich ein neues Mitglied in der Familie der privaten Förderer gewonnen werden. „Bisher war ich noch kein Kurator, aber das wird sich jetzt ändern“, versprach der passionierte Golf- und Tennisspieler und Skifahrer, dessen Einlaufkurve zum Leistungssport insbesondere in den olympischen Sportarten eher klein ist. Daher sei es eine „glückliche Fügung, dass ich mit Franziska van Almsick eine Stellvertreterin habe, die einen Bereich abdeckt, den ich nicht abdecken kann“.
Die 30-Jährige soll nach dem Ende ihrer aktiven Karriere und dem Übergang ins Berufsleben als Bindeglied zwischen der DSH-Chefetage und den Athleten wirken. „Als ehemalige Leistungs-sportlerin jetzt direkt etwas für den Sport in Deutschland bewirken zu können, ist natürlich eine große Ehre für mich“, lautete ihre erste Reaktion. „Ich weiß, wie wichtig die Stiftung Deutsche Sporthilfe für die Athleten ist, und hoffe, dass ich mit meiner Erfahrung etwas zum Dialog zwischen Stiftung und Leistungssport beitragen kann. Ich freue mich sehr auf diese neue Aufgabe und bin überzeugt, dass wir mit diesem kompetenten Team etwas für den Sport in Deutschland bewegen können.“ Ihre enge Verbindung mit der Stiftung Deutsche Sporthilfe hatte „FvA“ schon wiederholt unter Beweis gestellt, sei es durch ihre Moderation beim „Fest der Begegnung“ 2005 in Hamburg sowie durch zahlreiche Werbe- und PR-Auftritte wie zuletzt 2007 als Testimonial der Sporthilfe-Kampagne „Leistung. Fairplay. Miteinander.“ Oder im Falle des Buchprojekts „Vorbild“.
Klatten seinerseits will seine Stärken außerhalb der Arena einsetzen und sieht seine Hauptaufgabe im Bereich Vermarktung, „der durch mich repräsentiert wird“. Finanzielle Mittel zu generieren helfen, um damit deutsche Athleten auf dem Weg zu Olympischen Spielen zu unterstützen, dies sei ein Ziel, das ihn regelrecht begeistere. Herausforderung und Motivation für den neuen Mann an der Spitze seien für diese „gesellschaftspolitisch enorm wichtige Aufgabe“ noch größer vor dem Hintergrund, dass die gegenwärtige Finanzkrise auch „Auswirkungen auf das Spendenverhalten von Privatpersonen und Unternehmen haben wird“.
„Wir schreiben schwarze Zahlen“
Ihre aktuelle wirtschaftliche Bilanz ist ausgeglichen, teilte die Chefetage der Stiftung unmittelbar vor dem Jahrestreffen der Kuratoren am 31. Oktober mit. „Wir schreiben schwarze Zahlen“, berichtete Gäb anlässlich der offiziellen Vorstellung Klattens am vergangenen Freitag. „Wir haben die Marketingeinnahmen in den letzten Jahren sogar fast verdreifacht.“ Die Schlagzeilen in den vergangenen Wochen hätten keinerlei negative Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit gehabt. „Die Kuratoren und Sponsoren stehen geschlossen hinter uns“, erklärte er, während Ilgner, seit dem Frühjahr Vorsitzender der Geschäftsführung, hinzusetzte: „Unsere Förderer haben uns nie in Frage gestellt.“ Inzwischen wurden die Deutsche Bank, Lufthansa, Mercedes-Benz und die Deutsche Telekom als „nationale Förderer“ gewonnen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und die ZDF-Samstagabendshow -“Wetten, dass…?“ gehören mittlerweile ebenso zur Riege der prominenten Helfer wie der weltgrößte Straßenlauf für Teams (JP Morgan Chase Corporate Challange).
Für die Wahl der „Juniorsportler des Jahres“, die ebenfalls am 31. Oktober in Düsseldorf erfolgt, wurde ein großer Dienstleister (DPD) als Sponsor gefunden, und dank Kooperation mit einem Reiseveranstalter (Robinson) können die erfolgreichsten Athleten jedes Jahr eine Woche auf Sporthilfe-Kosten ausspannen, wie es jüngst die Peking-Medaillengewinner gemeinsam in Marokko taten. „Hätten wir uns etwas wünschen und erträumen können, dann wären es genau die Partnerschaften, wie wir sie jetzt haben“, freut sich Ilgner. „Damit haben wir ein hervorragendes Gerüst, das wir nun noch stärker mit Leben ausfüllen müssen. Denn es geht längst nicht nur mehr darum, Geld einzusammeln.“
Andreas Müller