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| Gewitterstimmung um Lgw.-Vierer |
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| Qualifikation für Olympia 2008 |
Hamburgs Ruderweltmeister wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Verband aus dem Kader geworfen und ausgebootet Sind mündige mitdenkende Athleten im Spitzensport gefragt oder behindert der „Piratenvierer“ von Rita Hendes, der den blinden Gehorsam verweigert, ein erfolgreiches DRV-Konzept? Der oftmals als eher nicht kurzweilig gebrandmarkte Rudersport hat zum Ende der Saison nun auch endlich einen medial interessanten Skandal, wie es ihn so in Ruder-Deutschland und im Deutschen Ruderverband (DRV) noch nicht gegeben hat. Das Hamburger Viererprojekt von Erfolgstrainerin Rita Hendes mit den amtierenden Deutschen Meistern Joel El Qualqili (23, Potsdamer RC Germania) und Ole Rückbrodt (24, Der Hamburger und Germania Ruderclub) an Bord, sowie Lutz Ackermann (24, Osnabrücker RV) und Martin Rückbrodt (21, DHuGRC) wollte sich individuell auf die Olympiaqualifikation vorbereiten und ist deshalb vom DRV aus dem aktuellen Bundeskader geworfen worden. Zur Erläuterung: Der deutsche Leichtgewichtsvierer ohne Steuermann (Durchschnittsgewicht 70 kg) konnte sich unter Trainer Uwe Bender (Saarbrücken) auf der heimischen WM, ebenso wie der Frauen-Einer, in München noch nicht für die Olympischen Spiele qualifizieren und schied enttäuschend aus, bzw. musste krankheitsbedingt abmelden. Nun wollte der DRV gegensteuern und hat für die kommende Saison auf die Schnelle ein zentrales Konzept erstellt, in dem aus 14 festgelegten WM-erfahrenen Athleten in mehreren Selektionsvorgängen eine Essenz von vier starken Ruderern herauskristallisiert werden sollte, die dann idealerweise auch den schnellsten Vierer stellen sollten. Betreuer des Projektes ist wieder einmal Bundestrainer Uwe Bender im Stützpunkt Saarbrücken, der mit der Qualifikation eine schwere Aufgabe zu stemmen hat und stark auf den Willen und die Leistungskraft seiner Athleten angewiesen ist. Die vier jungen und erfolgreichen angehenden Akademiker, die für Olympia alles dem Sport unterordnen wollten, waren nach reiflichen Überlegungen mit den Selektionsmaßnahmen grundsätzlich einverstanden, wollten sich jedoch individuell in Training und Trainingslagern vorbereiten. „Wir sind seit Jahren loyale Sportler des DRV und wollen auch in dieser Saison für unseren Verband starten. Wir sind auch mit dem Test-Konzept des DRV grundsätzlich einverstanden, wissen jedoch aus Erfahrung, dass wir individueller trainieren müssen, um schnell zu werden. Und wir sind alle furchtbar traurig und enttäuscht, dass unser Verband uns so schnell fallen lässt, nachdem wir zusammen schon mehrere WM-Titel für Deutschland errudert haben. Unser Vertrauen ist stark erschüttert und wir wissen nicht, wie wir den DRV überzeugen können, dass wir schnell zusammen rudern können. Wir bekommen ja nicht einmal eine Chance uns sportlich fair mit dem schnellsten Vierer zu messen“, erzählt U23-Weltmeister und aktueller Vize-Weltmeister Lutz Ackermann traurig nach der langen Vorbereitungszeit auf den Hamburger Gewässern. Nachdem die Entscheidung der durchaus mündigen und intelligenten Athleten aus dem Vierer feststand, wurde ihnen von Konzept-Trainer Bender sofort ein Ergometertest vor Ort verweigert, obwohl sie weiterhin bereit waren ihre Leistungsfähigkeit regelmäßig überprüfen zu lassen. Danach wurde die Mannschaft nach Hause geschickt und seitdem sind die Fronten verhärtet. Nach dem Debakel von Saarbrücken, bei dem übrigens auch andere Sportler aus dem Athletenkreis ihre berechtigten Bedenken geäußert hatten, ob in der relativ kurzen Zeit so eine zentrale Maßnahme sinnvoll sein könnte, wurde der Hamburger Vierer mit einem Schreiben unter Druck gesetzt, dass er sich entweder vorbehaltlos und uneingeschränkt dem Konzept unterordnet oder für Olympia nicht berücksichtigt wird. Dies jedoch ohne eine einzige Leistung bisher gebracht zu haben. Damit verbunden ist nämlich auch ein Startverbot für den Vierer auf den Worldcups, denn vor dem letzten Worldcup-Rennen in Poznan (Juni 2008) muss der Deutsche Vierer in der Qualifikationsregatta entweder Erster oder Zweiter werden, sonst wäre der Olympiazug abgefahren. Dementsprechend hoch scheint der Druck auch beim DRV zu sein. „Die „Hamburger Gruppe“ hat sich bei dem Gespräch in Saarbrücken auf Konfrontationskurs präsentiert und die gesamte Stimmung unter den 14 WM-Ruderern wurde von Aktiven recht treffend als „kälter als im Kühlhaus“ beschrieben. Daher müssen wir als Verband jetzt Flagge zeigen und unser zentrales Konzept durchbringen. Selbst wenn der Hamburger Vierer dann bei einem Aufeinandertreffen den Auswahlvierer schlagen sollte, wird er nicht für die Qualifikationsregatten von uns nominiert. Mir ist auch gar nicht klar woher die jungen Leute von Trainerin Rita Hendes das Selbstbewusstsein nehmen sich so abzugrenzen, da man auch in dieser Saison gesehen hat, dass sie nicht die stärksten vier sind. Ruderer aus ganz Deutschland wollen sich in Saarbrücken zusammensetzen, aber die Hamburger haben sich nicht mit reingesetzt. Der Rauswurf aus dem Kader ist kein Urteil fürs Leben, aber nach Vorstandsbeschluss haben sich die Hamburger ausgeklinkt und bleiben für die nächsten 6 Monate erst mal draußen. Wir dachten eigentlich, wir hätten eine tolle Idee mit allen zusammen den stärksten Vierer zu bauen und haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass einige nicht dafür sind“, erläutert Stefan Grünewald-Fischer, stellvertretender Vorsitzender Sport des DRV die verzwickte Situation. „Wir sind von Vereinsseite her sehr unglücklich über diese Entwicklung, stehen natürlich voll und ganz zu und hinter dem DRV. Nur sollten wir die Türen nicht zuschlagen, sondern das Gespräch mit den Athleten suchen, um für Ruder-Deutschland die bestmöglichste Lösung zu finden. Ein sportlicher Vergleich bietet hierzu allgemein anerkannt natürlich die beste Möglichkeit. Was zählt ist auf dem Wasser. Daher glauben wir, dass zugunsten des Rudersports noch Handlungsbedarf besteht und reichen dem DRV die Hand um die Herausforderung gemeinsam zu meistern“, äußerst sich der Stützpunktleiter Osnabrück und Achterolympiasieger von Seoul Dr. Thomas Möllenkamp besorgt zu dem Krisenherd „leichter Vierer“. „Es ist äußerst erschreckend, dass der Verband eine Politik der harten Hand durchzieht und vier junge Männer mit so viel Potential, Kraft, Energie und Persönlichkeit in die Wüste schickt, anstatt sich noch einmal sachlich und fachlich auf einen Konsens zu einigen. Ich bin sehr stolz auf meine Sportler, dass sie in so totalitären Gesprächen den Mut aufgebracht haben, eine eigene Meinung zu vertreten und dabei als Risiko ihren Olympiatraum aufs Spiel setzen. Alleine das zeigt schon, dass die vier genau wissen, was sie tun, wie sie zu trainieren haben und immer bis zum Äußersten gehen können. Der DRV kann stolz darauf sein solche intelligenten Sportler in seinen Reihen zu haben und sollte diese Waffe auch nutzen anstatt sie wie Aussätzige zu behandeln. Was nützt ein Athlet in der Haifischbeckenbootsklasse Vierer ohne, wenn er kein Vertrauen in das System hat?“, sieht sich Rita Hendes völlig fassungslos über die Art wie man mit verdienten Athleten umgeht. „Für die Vorgehensweise des DRV haben wir absolut kein Verständnis und kritisieren, dass vier so erfolgreiche Ruderer aus Prinzipienreiterei und ohne sachliche Auseinandersetzung um ihre Olympiachance gebracht werden sollen“ ist Wolf-Dieter Schumacher als 1. Vorsitzender des ältesten und traditionsreichsten Ruderclubs Deutschlands, dem Hamburger und Germania RC, ebenfalls völlig fassungslos über den Rauswurf seiner Ausnahmeathleten aus dem Bundeskader. Insgesamt ein vertrackte und unbefriedigende Situation für alle Beteiligten. Sowohl Sportler, Trainer, als auch Funktionäre. Beide Seiten sollten im Sinne des Deutschen Rudersports noch einmal aufeinander zugehen und in Gesprächen die vorhandenen Kräfte bündeln, anstatt sie gegeneinander einzusetzen. Denn ansonsten wäre man wieder in der gleichen Situation der Vorjahre, wo sich regionale Vierer in den knallharten Selektionsverfahren gegenseitig Kraft und Nerven gekostet und aufgerieben haben und am Ende auf der WM nicht in die Medaillenränge rudern konnte. Diesen Status quo hätten wir derzeit auch. Vier von den derzeit stärksten Leichtgewichtsruderern Deutschlands sind im Moment nicht mit dabei und auf diese Weise kann sicherlich auch nicht das schnellste Boot gebildet werden. Dazu muss man allerdings wissen, dass der WM-Vierer 2007 ebenfalls ein selektiertes Boot war, dessen Überzeugungskraft auch nicht ausreichte, um die Olympiaqualifikation frühzeitig in trockene Tücher zu bringen. Daher könnte es also sein, dass die sieben Monate bis zur Qualifikationsregatta zu knapp bemessen sind, als dass sich die Teams rudertechnisch angleichen könnten. Ein großes Problem am derzeitigen Selektionskonzept ist jedoch auch der permanente Ausscheidungsprozess und Konkurrenzdruck. Während andere Nationen ein seit Jahren bestehendes Konzept verfolgen und in Ruhe trainieren, wären die deutschen Riemenruderer gezwungen sich unter wertvollem Energieverlust bei den diversen Tests aufzureiben, da alle ständig Angst haben müssen aus der Gruppe auszuscheiden. „Wir machen uns ja bereits seit Jahren Gedanken wie wir schnell rudern können und wissen auch ungefähr wie wir dies erreichen können. Wir würden daher natürlich gerne mit dem DRV an einem Strang ziehen, verstehen nur nicht, warum das zentrale und viel zu spät bekannt gegebene Konzept in keinem einzelnen Punkt verhandelbar sein soll. Und warum sollen wir als Leistungssportler keine Chance bekommen im nächsten Jahr zu zeigen, dass wir schneller sind als der selektierte Vierer? Wissentlich einen Langsameren zu schicken wäre absolut unsportlich und so eine Entscheidung sollte auf der Regattabahn und nicht am grünen Tisch fallen“ haben Lutz Ackermann und Joel El Qualqili unisono Angst um ihre Startchance. Es bleibt auch die pikante Frage im Raume, ob hinter dem rigorosen Vorgehen alte Zwistigkeiten mit der als streng hinterfragend und schwierig geltenden Trainerin Rita Hendes teilsanktioniert werden. Dass sich die betreffenden Sportler ebenfalls gesprächsbereit präsentieren müssen steht außer Frage, aber im Sinne einer Vierer-Qualifikation wäre ein Konsens doch wünschenswert. Was zählen sollte „ist schließlich auf dem Wasser“ und letztendlich doch der Leistungsgedanke. Es wäre schade für den Rudersport und ein schlechter Beigeschmack, wenn hierfür keine zeitnahe Lösung gefunden wird und in der erfolgreichsten deutschen Sommersportart, gemessen an Medaillen pro Starts, unter Umständen kein „leichter“ Vierer mit dabei ist. Arne Simann
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